Melancholie im Zeitlupentempo

Nachlese zum Auftakt Konzert in der Nürnberger Zeitung
Kammermusik-Festival – 21.03. 17:44 Uhr

Vielleicht sucht das Internationale Kammermusikfestival ja die Nähe zur Burchardi-Kirche in Halberstadt. Dort entsteht in den nächsten 639 Jahren die John Cage-Komposition „Organ2“.

Denn das Auftakt-Konzert des 10. Kammermusikfestivals fast sechs Monate vor dem eigentlichen Festivaltermin zu platzieren, zeugt von einem ähnlich langen Atem. Doch Tempo und Zeit waren sowieso unterschwellige Themen dieses Programms am Sonntag im Gluck-Saal des Opernhauses.
Optimismus mit Nymphen und Schäfern

So etwa in Thomas Adès’ (Jahrgang 1971) Komposition „Darkness Invisible“. Diese knüpft an die zuvor von Rebecca Martin emphatisch dargebotene Leidenshymne des Elisabethanischen Zeitalters, John Dowlands „In Darkness let me dwell“, an. Wie unter einem Mikroskop wird die Anatomie der Melancholie seziert und dem Zuhörer im Zeitlupentempo präsentiert. Gut beraten war, wer sich zuvor bei drei kurzen Liedern von Henry Purcell zwischen Nymphen und Schäfern mit reichlich Optimismus und Lebensfreude ausgestattet hatte.

Trittsicher bietet Andrew West danach Franz Schuberts Wanderer-Fantasie. Auch hier scherte sich der Komponist recht wenig um die Gepflogenheit einer klaren Satztrennung. Mit Verve meistert West die ausgedehnten virtuosen Durchgänge, die eher der furiosen Klavierkunst eines Franz Liszt vorausgreifen, als dass hier der Liedkomponist biedermeierlicher Schubertiaden zu Wort käme.

Doch auch wenn Andrew West als hervorragender Solist überzeugt, so ist er der noch bessere Begleiter. An der Seite von Sönke Reger wird die „Regenlied-Sonate“ von Brahms ausgebreitet. Stets sieht sich West als Diener der rhapsodisch angelegten Violinstimme, nimmt die harmonisch dichte Klavierstimme so zurück, dass die Violine mit ihr in melodischem Einklang angemessen dialogisieren kann.

Auch für den englischen Humor ist an diesem Nachmittag gesorgt: „Fünf amouröse Seufzer“ trug der englische Komponist Jonathan Dove (Jahrgang 1959) zusammen. Dass deren aphoristische Lebensklugheit auch schon 300 Jahre alt sein soll, ist den Texten kaum anzumerken, so aktuell erscheint die psychologische Lebenshilfe. Merke: Der Mensch ändert sich nicht, nur die Zeit rast dahin.

Zum Originalartikel

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, AufTakt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.